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Humboldt-Universität zu Berlin - Medienwissenschaft

Schwerpunkte und Projekte

Forschungsprojekte

Think Analogue!

Archäologie, Präsenz und Künftigkeiten des Analogcomputers. Internationaler Workshop vom 11.-13. April 2012.

Expedition

Lokaltermin Sirenen.

Zeitkritische Medienprozesse

Ein Workshop zur chrono-logischen Bestimmung der Neuen Medien (20./21. April 2006).

Symposion

Schrift, Zahl und Ton im Medienverbund (17.–19. Juli 2003).

Veranstaltet von:

  • Prof. Dr. Wolfgang Ernst (Seminar für Medienwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin)
  • Prof. Dr. Friedrich Kittler (Seminar für Ästhetik, Humboldt-Universität zu Berlin)
  • Prof. Dr. Jochen Brüning (Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik, Humboldt-Universität zu Berlin)

Exposé

Es gibt Formen der aisthesis, die gar nicht bewußt als Zeichen wahrgenommen (also ästhetisch kodiert) werden, sondern in der Wahrnehmung als Signalketten direkt durchschalten – strikt zeitbezogen. Dies gilt in technisch-operativen Medien verschärft, wo kleinste Zeitoperationen unterhalb menschlicher Wahrnehmungsschwellen rücken und damit subliminal ein eigenes epistemisches Feld generieren.

In den klassischen Geisteswissenschaften wurden die Forschungsobjekte lange nicht unter dem Aspekt von zeitkritischen Elementen der kulturellen Produktion betrachtet; der Blick war geradezu eine Funktion des Mediums Text, in dem Zeitmomente zumeist keine entscheidende Rolle spielen. Tatsächlich ist die Operation des Alphabets und der Schrift die längste Zeit eine zeitunkritische gewesen und wird auch von Gotthold Ephraim Lessings Definition von zeitbasierter Kunst nicht eingeholt. Im Wechsel von narrativen zu ergodischen Praktiken (etwa in Computerspielen) aber steht dieses Thema erneut zur Verhandlung an.

Das Bewußtsein für die Dramatik kleinster zeitlicher Momente ist mit den hochempfindlichen, elektrotechnischen Meßmedien seit dem 19. Jahrhundert überhaupt erst zum Gegenstand des Wissens geworden – eine Form medienaktiver Archäologie, in der die Apparaturen selbst epistemologisch generativ geworden sind. Zum Einen ist damit ein neuer Forschungsgegenstand in der Signalökonomie (diesseits) von Kultur eröffnet; zum Anderen aber zieht dieses Feld bei näherer Betrachtung auch eine Infragestellung der Vormachtstellung des historischen Diskurses in der Beschreibung des Werdens von Medien nach sich. Mediengeschichte ist nur eine Form ihrer Darstellung, diskursiv eher von außen an dieselben herangetragen, um sie in den allgemeinen Diskurs der Kulturhistorie integrieren zu können. Läßt man sich jedoch auf die Perspektive der Medien ein (die medienarchäologische Sicht und das medienarchäologische Gehör), die unmittelbar mit den neurologischen Funktionen des menschlichen Wahrnehmungsapparats allgemein und des Zeitsinns im Speziellen korrespondieren, stellt sich ein anderer, nicht bloß anthropozentrischer Begriff von Medienzeit ein.

An McLuhans Genealogie von medientechnischen Erweiterungen der menschlichen Sinne anknüpfend, hat die Antrittsvorlesung des Lehrstuhls Medientheorien unter dem Titel „Medienwissen(Schaft), zeitkritisch“ am 20. Oktober 2003 eine erste Skizze des geplanten Forschungsschwerpunkts „Zeitkritik“ entworfen.

Antrittsvorlesung als PDF

Das Forschungsprofil des Lehrstuhls Medientheorien sucht einen analytischen Bogen zu schlagen: von der Suprematie des Blicks über die Zeitempfindlichkeit des Ohrs zum rechnenden Kalkül als Bedingung aktualer Mechanisierbarkeit im modellbildenden Medium Computer. Dies meint nicht nur optische Medien (die Zeitnatur des Zeilen-Videobilds ebenso umfassend wie die Nervenreizmessungen Hermann von Helmholtz’; ferner die Ergodik Norbert Wieners in der Kybernetik), sondern auch den Bereich des Akustischen. Daraus resultiert der spezifische Fokus auf akustische Signalprozesse – nicht, um der Musikwissenschaft Konkurrenz zu machen, sondern (hier über den Begriffs der time-based media hinausgehend, weil auch zeitbasierende, zeitkonstituierende Prozesse analysierend) als theoretischer und praktischer Herausforderung der gegenwärtigen Medienkultur.

Angesichts einer gewissen Vernachlässigung der auditiven Komponente in vielen schon existierenden medienwissenschaftlichen Studiengängen an deutschen Universitäten wird also am Lehrstuhl Medientheorien der HU dezidiert die akustische Dimension auf ihren medientechnischen Begriff gebracht, ganz im Sinne des profilgebenden Schwerpunkts auf zeitkritischen, signalverarbeitenden Medien. Hier sind akustische Prozesse, die sich bekanntlich erst in der Zeit entfalten, analytisch und phänomenologisch zentral. Zudem läßt sich die Mathematizität symbolverarbeitender Medien (kulminierend im digitalen Computer) sowie die Verschiebung von diskursiv-tonalen zu physikalisch-sonischen Kulturtechniken am medienarchäologischen Gefüge von Musik und Mathematik hervorragend demonstrieren – ein Gefüge, das in seiner medialen Implementierung, also als Verweltlichung und damit Verzeitlichung, erst zum Vollzug kommt (im Unterschied zu allen bloß philosophischen oder symbolischen Denk- und Schreibweisen).

Das hier skizzierte Forschungsprofil schlägt sich in den zur Zeit am Seminar für Medienwissenschaft (mit-)betriebenen Studiengängen Musik & Medien (Bachelorstudium) sowie im Modul „Zeitbasierte und zeitkritische Medienprozesse“ des Masterstudiengangs Medienwissenschaft (Mediamatics) nieder. Die infrastrukturellen Voraussetzungen für technomathematische Forschung in der Praxis sind gegeben. Das Seminar für Medienwissenschaft verfügt über ein aus „Signallabor“ (rechnender Raum) und „Szene“ (modular gestaltbare Bühne) zusammengesetztes Medientheater. Die Nutzung dieses Raums dient nicht primär ästhetischen Darstellungs-, sondern Forschungszwecken: dem analytischen Einsatz sensorischer Apparate, etwa zum Testen akustischer Signalströme im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Zeitkritische Prozesse. Dort kommt – in Kooperation mit dem Seminar für Ästhetik – auch eine Audio-Workstation zum Einsatz, welche auch die Kooperation mit open-source-Projekten wie SuperCollider ermöglicht. Hinzu treten ein Videostudio, ein Medienarchäologischer Fundus mit Demonstrationsobjekten sowie eine Elektrowerkstatt zur mediennahen Prüfung und zum Nachvollzug des diskursiv Behaupteten.

Es liegt nahe, daß eine Reihe von Forschungen innerhalb und außerhalb des Fächerverbunds der Humboldt Universität mit dem Forschungsschwerpunkt „Zeitkritik und medieninduzierte Zeitprozesse“ korrespondieren. Aus diesem Grunde ist geplant, eine Forschergruppe zusammenzustellen, um diesen Schwerpunkt (etwa in Form eines DFG-Antrags) zu fokussieren und ebenso den wissenschaftlichen Nachwuchs einzubinden. Alle thematisch Interessierten sind eingeladen, zum diesem Zweck Kontakt aufzunehmen mit wolfgang.ernst@culture.hu-berlin.de.